Die fokale Dystonie

„Im Jünglingsalter bemerkte Robert Schumann zuerst, dass der Zeigefinger und der Mittelfinger auffallend weniger Kraft und Gelenkigkeit, als die übrigen besaßen. Die längere Zeit fortgesetzte Anwendung einer Maschine („Cigarrenmechanik“), mittels welcher die genannten Finger stark nach dem Handrücken gehalten wurden, hatte zur Folge, dass die selben von nun an in einen lähmungsartigen Zustand verfielen, in dem Maße dass sie erstens nur schwaches Gefühl besaßen und zweitens rücksichtlich der Bewegung dem Willen nicht mehr unterworfen waren“.  Schumann selbst schrieb dazu am 14. Juni 1832 in sein Tagebuch: „Der Dritte Finger ist vollkommen steif.“

Robert Schumann litt vermutlich an einer fokalen Dystonie, einer Bewegungsstörung mit Verlust der feinmotorischen Kontrolle von jahrelang geübten Bewegungsabläufen am Instrument. Diese geht in der Regel ohne Schmerzen einher, tritt bei 1-2 % aller professionellen Musiker zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf, kann zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen des Instrumentalspiels führen und eine Berufsunfähigkeit zur Folge haben.

Häufig sind Geiger und Bläser sowie Pianisten und auch Gitarristen betroffen. Als spezifische Risikofaktoren gelten u.a. eine hohe Arbeitsbelastung am Instrument, klassische Musik, männliches Geschlecht und eine genetische Veranlagung. Häufig zu beobachten ist auch eine psychische Empfindlichkeit für Angststörungen und Perfektionismus. Die Ursachen sind bis heute nicht abschließend geklärt.  Vermutet wird ein Inhibitionsdefizit motorischer Zentren im Gehirn.

Die Therapie ist schwierig und meist langwierig. Es werden Botulinumtoxin und Trihexyphenidyl auf medikamentöser Ebene eingesetzt sowie Retrainingverfahren und ergonomische Veränderungen am Instrument, doch ist die Behandlung  bisher nicht zufriedenstellend. Die Erkrankung ist bislang noch nicht als Berufskrankheit anerkannt, obgleich fast 30 % aller betroffenen Musiker ihren Beruf aufgeben müssen. Auch Robert Schumann musste seine Karriere als Pianist beenden.